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Glück

Die Welt ist ein furchtbarer Ort. Es wird nur erträglich, wenn man Sinn findet oder schafft. Wenn einem alles egal wird, bleibt nur das Furchtbare. Vielleicht wäre es ehrlicher, das einfach anzunehmen und nicht mit selbstgemachtem Sinn zu verschleiern. Man weiß das nicht. Oft genug funktioniert der Sinn nicht; er setzt aus. Dann gibt es keine Antworten und keine Erklärungen und keinen Trost; der Geist bleibt im Leeren hängen. Aber wenn es funktioniert, wenn man es schafft, Sinn zu schaffen, weil man Schönheit schafft oder Wahrheit oder etwas, das wenigstens einen Moment lang als Schönheit oder Wahrheit zu erkennen ist (und die beiden sind letztlich eins, sagt Keats), dann ist das Glück. Mehr gibt es nicht.

Die Unschuldigen

Es gab keine Spiegel. Natürlich waren manche Oberflächen reflektierend: Wasserpfützen oder Fenster, hinter denen es abends dunkel wurde. Metallene Gegenstände, Löffel zum Beispiel. Doch Metall wurde nur selten poliert. Chrom war weniger beliebt als Zinn oder blauer Stahl.

Die Menschen blieben nicht stehen, um ihr Spiegelbild zu betrachten. Niemand erkannte sich selbst in dem, der ihm aus einem Wassertropfen entgegen blickte. Sie wussten viel über sich, spürten die Bewegungen ihres Körpers, die Vibration ihrer Stimme, die verschiedenen Wärmegrade ihrer Gefühle. Sie wussten, was ihnen schmeckt und welche Düfte Erinnerungen in ihnen weckten. Doch keiner von ihnen hätte sein eigenes Äußeres beschreiben können. Die meisten — fast alle — waren sehr neugierig, wie sie aussahen. Mehr als das: Es war ihnen ein tiefes Bedürfnis, auch dies über sich zu wissen. Es war eines der intimsten Geschenke, einem anderen Menschen zu beschreiben, wie man ihn sah. Und es war das größte Glück, wenn man jemanden traf, dessen Beschreibung ein inneres Bild wach rief.

“Die Härchen auf deiner Wange sind wie winzige Fische über dem sandigen Meeresgrund.”
“Deine Nase beginnt ganz gerade und macht dann im letzten Moment einen Knick nach links, sodass dein Gesicht eine forsche und eine zurückhaltende Seite hat.”
So klangen Liebeserklärungen. Oder so:
“Deine Augen sind grau wie das Hochgebirge.”
“Deine Ohren sind so exakt und fein wie aus Marzipan, besonders das linke.”
“Wenn du dich hinsetzt, wirft dein Bauch eine kleine Falte, in die ich meine Nase stecken möchte.”

Die Menschen sehnten sich nicht nur danach, erkannt zu werden und sich selbst im Blick des anderen zu erkennen. Genauso sehr oder vielleicht noch mehr sehnten sie sich nach dem, dessen wahre Schönheit sie sehen konnten, der ihre Sicht und ihre Sprache verstand.
Es kam nicht selten vor, dass einer den anderen zu kennen glaubte, doch wenn er ihn zu beschreiben begann, klang es für seinen Zuhörer, als spreche er über einen Fremden. Oder eines konnte dem anderen sein Wesen zeigen, aber das andere blieb stumm oder konnte die richtigen Worte nicht finden. Solch einseitiges Erkennen war sehr schmerzhaft für beide.

Starb der Mensch, in dessen Wahrnehmung man sich selbst erkannte, so verlor man nicht nur diesen liebsten, einzigartigen Anderen. Auch das innere Selbstbild, das er gemalt hatte, begann zu verblassen.